Gunther von Hagens - Etappen, Wege und Ziele

Gunther von Hagens wird als Gunther Gerhard Liebchen am 10. Januar 1945 in Alt-
Skalden bei Posen im heutigen Polen geboren. Im Alter von gerade fünf Tagen stecken ihn seine Eltern in einen Wäschekorb und begeben sich auf eine sechs Monate währende Flucht vor den anrückenden Russen – über Berlin, Gera und schließlich nach Greiz an der Elster. In der thüringischen Stadt im Vogtland wächst Gunther von Hagens als mittleres von fünf Geschwistern auf.
Eine Bluterkrankheit ist in Gunthers frühen Kindheitsjahren verantwortlich für häufige, teils wochenlange Krankenhausaufenthalte. Das lässt ihn zum Außenseiter und Sonderling werden. Den hautnah erlebten Medizinbetrieb findet er so faszinierend, dass er schon frühzeitig den Wunsch entwickelt, Arzt zu werden.

Von 1951 bis 1961 besucht Gunther die zehnklassige „Polytechnische Oberschule“ in Gera und Greiz. Nach Abschluss der „mittleren Reife“ arbeitet er als „Ungelernter“ im Kreiskrankenhaus Greiz zunächst als Pförtner, Postbote, Fahrstuhlführer und schließlich als Hilfspfleger. In Abendkursen der Volkshochschule holt er sein Abitur nach. 1965 begann er an der Universität Jena Medizin zu studieren.

Anfang 1969 wird er bei versuchter Republikflucht verhaftet und vor dem Kreisgericht Greiz zu einem Jahr und neun Monaten Freiheitsentzug verurteilt.
Seine Freiheitsstrafe verbüßt er in der Vollzugsanstalt Cottbus. Für 40.000 Deutsche Mark wird Gunther Liebchen freigekauft und betritt am 27.08.1970 erstmals bundesdeutschen Boden.

Er nimmt sein Medizinstudium an der Universität Lübeck wieder auf und legt dort 1973 sein Examen ab. 1974 erlangt er die Approbation und nimmt noch im selben Jahr eine Anstellung als Assistenzarzt in der Abteilung für Anästhesie und Notfallmedizin der Universität Heidelberg auf.
Während seiner klinischen Tätigkeit merkt Gunther sehr bald, dass der Arztberuf mit seiner Routine doch nicht das Richtige ist. Im Juli 1975 nimmt er eine Beschäftigung als Wissenschaftlicher Angestellter am Anatomischen Institut der Universität Heidelberg auf.

Als Anatomieassistent sieht er zum ersten Mal in Kunststoffblöcke eingebettete Präparate und fragt sich, warum der Kunststoff wohl um das Präparat als Block herum gegossen worden ist, statt sich im Präparat zu befinden und es von innen heraus zu stabilisieren. Diese Frage lässt ihn nicht mehr los. Er führt Versuche mit Nierenscheiben durch, die er mit flüssigem Silikonkautschuk langsam imprägniert. Nach der Härtung im Wärmeofen hält er das erste vorzeigbare Plastinat in der Hand. Das ist am 10. Januar 1977, seinem 32. Geburtstag. Im März desselben Jahres reicht er dieses Verfahren beim deutschen Patentamt ein. Viele, viele Versuche sind nötig, um eine Methode zu finden, wie sich das Wasser und das Fett aus biologischen Gewebe entfernen und durch Kunststoff ersetzen lassen, ohne das die Präparate schrumpfen.

Im Anatomischen Institut der Universität Heidelberg verbringt er als Dozent und Wissenschaftler die nächsten zwanzig Jahre und entwickelt dort die Technik der Plastination beständig weiter. In Heidelberg gründete er 1980 neben seiner universitären Tätigkeit die Firma Biodur für den Vertrieb der für die Plastination erforderlichen Kunststoffe, Hilfsmittel und Geräte.

Mit der stetigen Weiterentwicklung nimmt die Plastination schließlich Dimensionen an, mit denen sie unter den universitären Dächern an ihre Grenzen stößt. So gründet Gunther von Hagens 1993 in Heidelberg das Institut für Plastination. Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, Angelina Whalley, betreibt er die Plastination zunehmend auf privatwirtschaftlicher Ebene.

Der große Durchbruch stellt sich jedoch erst einige Jahre später mit der öffentlichen Ausstellung plastinierter Präparate ein: 1995 wird Gunther von Hagens von der japanischen Anatomischen Gesellschaft eingeladen, mit seinen Plastinaten an einer Ausstellung im National Science Museum in Tokio teilzunehmen. Die Ausstellung ist von unerwartet großem Erfolg - mehr als 450.000 Menschen besuchen in nur vier Monaten die Schau. Weitere erfolgreiche Ausstellungen schließen sich in Japan an, bis sie Ende 1997 erstmals in Deutschland in Mannheim gezeigt wird.

Anders als in Japan ist die Ausstellung KÖRPERWELTEN, wie sie fortan heißt, in Deutschland von heftigen öffentlichen Kontroversen begleitet, die auch in späteren Ausstellungen immer wieder aufs Neue entflammen. In allen Bevölkerungsschichten gibt es Befürworter und Gegner. Die Ausstellung spaltet auch das Anatomische Institut Heidelberg in zwei Lager. Der Streit macht es Gunther von Hagens unmöglich, hier seine Arbeit fortzusetzen, und er verlässt 1997 die Universität. Gleichzeitig wird ihm die Annerkennung seines privaten Heidelberger Instituts als wissenschaftliches Institut verwehrt. Er kehrt daraufhin Deutschland den Rücken und nimmt 1996 eine Gastprofessur an der Dalian Medical University an. Im Jahr 2000 gründet er in Dalian ein privates Institut, die Von Hagens Dalian Plastination Company Ltd.. Hier entsteht auch eine zweite Ausstellung, die fortan in Asien tourt und erstmals in Seoul, Südkorea mit überwältigendem Erfolg gezeigt wird. Öffentliche Kritik stellt sich hier nicht ein. Ganz im Gegenteil: Die Ausstellung wird in Asien sogar von Wissenschafts- und Erziehungsministerien offiziell unterstützt.

In Europa, und hier vor allem in Deutschland, bricht der Streit um die Ausstellung dagegen nicht ab. Die Kontroverse verlagert sich zunehmend auf den Menschen Gunther von Hagens und macht Anfang 2004 auch vor persönlichen Verunglimpfungen nicht mehr Halt. Fortan konzentriert er sein Wirken auf die USA. Noch im gleichen Jahr wandert die Ausstellung in die USA ab, auch hier bleibt, wie zuvor schon in Asien, öffentliche Kritik aus. Seit Januar 2005 bekleidet Gunther von Hagens eine Gastprofessur am College of Dentistry der New Yorker Universität.

2006 kehrt er nach Deutschland zurück und gründet im brandenburgischen Guben die Gubener Plastinate GmbH mit der öffentlichen Ausstellung dem PLASTINARIUM. Erstmals öffnet er seine Werkstätten einem breiten Publikum. Das PLASTINARIUM ist eine weltweit einzigartige Einrichtung, die öffentlich die Herstellung anatomischer Dauerpräparate von Mensch und Tier zeigt.

Erst 2009, 5 Jahre nachdem er Deutschland den Rücken gekehrt hat, kehrt er mit einer KÖRPERWELTEN-Ausstellung zurück, und das an den Ort der Geburtstunde der Plastination, nach Heidelberg. Von nun an touren die KÖRPERWELTEN auch wieder in Deutschland. Leider bleiben aber Diskussionen und Reglementierungen wieder nicht aus. So wird z. B. in Augsburg durch den Bürgermeister verhindert, in der dortigen Ausstellung ein Sexplastinat zu zeigen.

In dem kleinen Zoo im saarländischen Neunkirchen fand 2010 die Premiere der neuen Ausstellung KÖRPERWELTEN der Tiere statt. Ausgangspunkt war der Tod der Elefantenkuh „Samba“ nach einer Herz-Kreislauf-Schwäche im Zoo Neunkirchen im Februar 2005.
Mit der Bearbeitung der Elefantenkuh entsprach Gunther von Hagens dem Wunsch von Neunkirchens Zoo-Direktor Dr. Norbert Fritsch, der den riesigen Körper dem Institut für Plastination übereignete und im Gegenzug dafür die Zusage zur Erstausstellung dieses riesigen Plastinats im Saarland erhielt. Der Zoodirektor war froh, dass Samba so die Entsorgung zu Tierfett erspart blieb und sie in buchstäblicher letzter Sekunde aus der Tierkörperverwertungsanlage gerettet wurde.
Ab dem Frühjahr 2013 ist die Tierausstellung in den USA zu sehen.

Ende 2010 gibt Dr. Gunther von Hagens öffentlich seine Erkrankung an Parkinson bekannt. In den letzten Jahren werden seine öffentlichen Auftritte immer seltener.