Die Idee der Plastination

Gunther von Hagens, Wissenschaftler und Erfinder der Plastination schreibt dazu:

"Das Verfahren der Plastination habe ich 1977 am Anatomischen Institut der Universität Heidelberg erfunden, in den Jahren 1977-82 patentiert und seither kontinuierlich weiterentwickelt.

Als ich als Anatomieassistent zum ersten Mal in Kunststoffblöcke eingebettete Präparate sah, fragte ich mich, warum der Kunststoff wohl um das Präparat als Block herumgegossen worden war, statt im Präparat zu sein und es von innen heraus zu stabilisieren. Die Frage ließ mich nicht mehr los.
Wochen später hatte ich für ein Forschungsprojekt Serienschnitte von menschlichen Nieren anzufertigen. Das übliche Einbetten der Nieren in Paraffin und das Schneiden in feinste Serienscheiben erschien mir als zu aufwendig, brauchte ich davon doch nur jede fünfzigste Scheibe. Im Universitätslädchen kam mir beim Betrachten der Schinken schneidenden Verkäuferin die Idee: Eine Wurstschneidemaschine sollte ich zum Nierenschneiden verwenden. So kam es, dass eine "Rotationsschneidemaschine", wie ich sie im Investitionsantrag nannte,
zur ersten Plastinationsinvestition wurde.

Zur Einbettung der Nierenscheiben verwendete ich flüssiges Plexiglas. Die beim Einrühren des Härters eingeschleusten Luftblasen mussten im Vakuum extrahiert werden. Die Betrachtung dieser Blasen führte nun zur entscheidenden Idee: Ein mit Aceton durchtränktes Nierenstück sollte sich doch unter Vakuumbedingungen mit Kunststoff imprägnieren lassen, und zwar durch Extraktion des Acetons in Form von Blasen, wie zuvor beim Entlüften. Beim Versuch traten in der Tat reichlich Acetonblasen aus dem Präparat heraus, aber nach einer Stunde war das Nierenstück kohlrabenschwarz und geschrumpft. Die meisten hätten wohl das Versuchsergebnis als untauglich verworfen. 

Nur weil ich von meinem physikalisch-chemischen Basiswissen her wusste, dass die Schwarzfärbung auf den Lichtbrechungsindex des Plexiglases und die Schrumpfung auf zu schnelles Imprägnieren zurückzuführen waren, wiederholte ich eine Woche später das Experiment mit flüssigem Silikonkautschuk. Ich imprägnierte langsam und, um die vorzeitige Härtung des Silikonbades samt inliegender Präparate zu vermeiden, in drei Silikonbädern nacheinander.
Nach der Härtung im Wärmeofen hatte ich das erste vorzeigbare Plastinat in der Hand.

Das war am 10. Januar 1977 - dem Tag, an dem ich mich entschied, die Plastination in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen.“

Gunther von Hagens, Erfinder der Plastination